Gewaltfreie Kommunikation und Rechtssystem – ein Mißverständnis!

Ein immer wieder gehörter Einwand gegen die Prinzipien der sogenannten „Gewaltfreien Kommunikation“ ist der, dass das alles viel zu simpel ist und sich im Recht so gar nicht anwenden lässt. Diejenigen, die sich ernsthaft auf die GFK einlassen bestätigen die Einfachheit des Ansatzes, stellen aber dann fest, dass es eher schwierig umzusetzen ist. Worum geht es überhaupt?

Miteinander reden …

Man kann so miteinander reden, dass der andere nicht beschuldigt oder beschämt wird. Gleichzeitig aber der Meinungsunterschied, der Konflikt sehr deutlich bleibt. Diese andere Sprache gibt es. Unter der Bezeichnung Non Violent Communication (NVC) oder der etwas mißverständlichen deutschen Übersetzung Gewaltfreie Kommunikation (GFK)  hat Marshall B. Rosenberg eine Kommunikationshaltung entwickelt die genau das leistet. NVC wird schon lange weltweit bei schweren Konflikten höchst erfolgreich eingesetzt.

Rosenberg schlägt vier Schritte vor:

  • Beobachtung mitteilen
  • Gefühl benennen
  • Bedürfnis(se) verdeutlichen
  •  Bitte(n) formulieren

Fundamental ist schon die Trennung von Beobachtung und Bewertung. Nur wenn sich die Beteiligten klar machen, was sie beobachtet haben (was also „Fakt“ ist) und was die jeweils unterschiedlichen Bewertungen sind, kann eine Diskussion schon viel konstruktiver laufen. Die Debatte um ACTA war ein gutes Beispiel. Der Text als solcher war nicht das Hauptproblem. Viel eher die Bewertung des Zustandekommens und der „Geist“ des Abkommens.

Die Neurobiologie bestätigt es. Gefühle stimmen immer. Meine Gefühle bestimmen meine momentane „Stimmung“ und diese mein Erleben. Sich seiner Gefühle bewusst zu werden heißt nicht sofort danach zu handeln.

Gefühle führen zu Bedürfnissen. Bedürfnisse die wir alle als Menschen und Lebewesen haben. Wir haben alle biologische Bedürfnisse nach Luft, Nahrung, Schutz vor Hitze und Kälte etc. Dazu haben wir seelische Bedürfnisse nach Sicherheit, Selbstwirksamkeit usw. Wir können isoliert nicht überleben. Wir haben starke soziale Bedürfnisse nach Respekt, Zugehörigkeit, Verbundenheit usw. Werden unsere Bedürfnisse erfüllt haben wir gute, werden sie nicht erfüllt schlechte Gefühle.

Wenn andere Menschen etwas sagen, was mir nicht gefällt, kann ich diese Schritte durchgehen. Dabei ist es wichtig auch den letzten Schritt zu machen und eine Bitte zu formulieren. Wichtig ist hier keine Forderung zu stellen, sondern eine Bitte. Die Bitte hilft dem anderen keinen Schuldvorwurf zu hören. Im Gegensatz zur Forderung kann der andere die Bitte ablehnen, ohne für ihn negative Reaktionen befürchten zu müssen.

… aber bitte passend zum Drumherum!

Die GFK lässt sich nicht 1:1 auf Kommunikationen im Rechtssystem anwenden. Rechtskommunikation orientiert sich am Schema „Recht“  – „Unrecht“. Rechtskommunikation ist der Sache nach nicht unmittelbar bedürfnisorientiert. In diesem Sinn gehört auch die Mediation nicht zum Rechtssystem, sowenig wie Akkupunktur zur  klassischen Chirurgie gehört. Diese Unterscheidung ist wichtig, sonst entstehen Mißverständnisse. Gleichwohl ist die Mediation, schon gar nicht die auf der GFK aufsetzende zu unterschätzen. Sie ist nämlich eine alternative Möglichkeit zwischen- und innermenschliche Konflikte sehr wirkungsvoll nachhaltig zu lösen. Sie steht nicht in Konkurrenz zur rechtlichen Konfliktlösung, sondern ist komplementär zu dieser. Die klare Grenzziehung ist aber entscheidend. Der Mandantin oder dem Mandanten muss dieser deutliche Unterschied erläutert werden, damit der vorliegende Konflikt optimal gelöst werden kann. Das kann dann  selbstverständlich auch der klassische Anwaltsschriftsatz sein. So wie manchmal eben Akkupunktur nicht ausreicht …

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