„Extremistbashing“ auf Twitter oder wie reden wir eigentlich miteinander?

Die derzeit immer wieder aufflammenden Diskussionen um politische Extrempositionen irritieren mich etwas. In meiner Wahrnehmung versehen sich die Beteiligten sehr schnell –  zu schnell – mit Etiketten. Der Anglizismus „bashen“ trägt auch die Bedeutung „schlagen“ in sich. Je nach Kontext „gewinnt“ dann die eine oder andere Seite. Wie beim Boxen oder Tennis. Ich finde daran unbefriedigend, das der richtigerweise oft beschworene Dialog so garantiert nicht zustande kommt. Im Gegenteil: Eine massenmedial auf das Konkurrenzprinzip eingenordete Gesellschaft reproduziert brav das Gewünschte. Und dies ausgerechnet bei der Suche nach gesellschaftlichen Alternativentwürfen. Ich empfinde das schon als fast tragisch, da für mich ein Fundament eines neuen Gesellschaftsverständnisses die Abkehr vom Konkurrenzprinzip und die Umarmung des Kooperationsprinzips ist.

(Wem das jetzt utopisch vorkommt der lese bitte zunächst einmal Joachim Bauer (Neurobiologe, Arzt und Psychiater an der Uni Freiburg): Das kooperative Gen – Abschied vom DarwinismusDies ist der Gegentext zu den Büchern von Richard Dawkins.

Ob Israelkritik, ob Antisemitismus, ob Urheberrecht und Contentmafia, Sammelbegriffe und Etiketten dominieren die gesellschaftlichen Diskussionen. Sie schaffen Orientierung durch Abstraktion. In der Politik funktionieren sie als „Freund-Feind-Kennung“ und erlauben damit die Bündelung von gesellschaftlichen Kräften. In diesem Sinne ist nichts „falsch“ an ihrer Verwendung. Gleichzeitig zahlen wir alle einen Preis für diese Abstraktionen:  Sie suggerieren eine Wirklichkeit hinter den Begriffen, die so nicht da ist. Alfred Korzybski wies schon 1931 deutlich darauf hin: The map is not the territory! (Die Landkarte ist nicht das Land.)

Mit dem Finger auf der Landkarte zu reisen mag lustig sein. Mit der wirklichen Reise hat es nichts zu tun. So bewegt sich die Debatte auch auf Twitter oft rasant vom konkreten Fall in allgemeine politische Überlegungen und Theorien. Die Beteiligten „bashen“ sich. Das ist manchmal lustig, oft eher traurig. Das Neue, das aus Konflikten immer entstehen kann hat auf diese Weise keine Chance sich zu zeigen.

Was also tun? Wie kann man denn anders miteinander reden?

Man kann so miteinander reden, dass der andere nicht beschuldigt oder beschämt wird. Gleichzeitig aber der Meinungsunterschied, der Konflikt sehr deutlich bleibt. Diese andere Sprache gibt es. Unter der Bezeichnung Non Violent Communication (NVC) oder der etwas mißverständlichen deutschen Übersetzung Gewaltfreie Kommunikation (GFK)  hat Marshall B. Rosenberg eine Kommunikationshaltung entwickelt die genau das leistet. NVC wird schon lange weltweit bei schweren Konflikten höchst erfolgreich eingesetzt.

Rosenberg schlägt vier Schritte vor:

  • Beobachtung mitteilen
  • Gefühl benennen
  • Bedürfnis(se) verdeutlichen
  •  Bitte(n) formulieren

Fundamental ist schon die Trennung von Beobachtung und Bewertung. Nur wenn sich die Beteiligten klar machen, was sie beobachtet haben (was also „Fakt“ ist) und was die jeweils unterschiedlichen Bewertungen sind, kann eine Diskussion schon viel konstruktiver laufen. Die Debatte um ACTA war ein gutes Beispiel. Der Text als solcher war nicht das Hauptproblem. Viel eher die Bewertung des Zustandekommens und der „Geist“ des Abkommens.

Die Neurobiologie bestätigt es. Gefühle stimmen immer. Meine Gefühle bestimmen meine momentane „Stimmung“ und diese mein Erleben. Sich seiner Gefühle bewusst zu werden heißt nicht sofort danach zu handeln.

Gefühle führen zu Bedürfnissen. Bedürfnisse die wir alle als Menschen und Lebewesen haben. Wir haben alle biologische Bedürfnisse nach Luft, Nahrung, Schutz vor Hitze und Kälte etc. Dazu haben wir seelische Bedürfnisse nach Sicherheit, Selbstwirksamkeit usw. Wir können isoliert nicht überleben. Wir haben starke soziale Bedürfnisse nach Respekt, Zugehörigkeit, Verbundenheit usw. Werden unsere Bedürfnisse erfüllt haben wir gute, werden sie nicht erfüllt schlechte Gefühle.

Wenn andere Menschen etwas sagen, was mir nicht gefällt, kann ich diese Schritte durchgehen. Dabei ist es wichtig auch den letzten Schritt zu machen und eine Bitte zu formulieren. Wichtig ist hier keine Forderung zu stellen, sondern eine Bitte. Die Bitte hilft dem anderen keinen Schuldvorwurf zu hören. Im Gegensatz zur Forderung kann der andere die Bitte ablehnen, ohne für ihn negative Reaktionen befürchten zu müssen.

Wie kann das praktisch aussehen?

Wenn ich also auf Twitter lese: “ ich finde den Juden an sich unsympathisch“ ängstigt mich das.

Es irritiert mich eine Sprache zu hören, die benutzt wurde als die Juden in Deutschland systematisch von Deutschen ermordet wurden. Zudem habe ich Angst, dass diese Sprache wieder häufiger benutzt wird. Ich fühle mich auch unsicher, weil ich nicht weiß was ich tun soll, damit das nicht geschieht.

Mit diesem Gefühlscocktail im Körper fällt es leicht meine enttäuschten Bedürfnisse nach Orientierung, Schutz und Sicherheit in den Vorwurf zu packen der andere sei ein „Antisemit“. Das wäre zu leicht und würde für mich auch den Konflikt nicht konstruktiv auflösen. Ich würde im übrigen mit dem anderen genau das machen was mich an ihm ängstigt. Ich würde ihn etikettieren und abwerten, „bashen“ – „schlagen“. Oder ist das erlaubt weil er der Böse ist und wir die Guten? Ist das so einfach?

Welche Bitte habe ich an einen Menschen der so etwas sagt?

Ich würde ihn bitten mir zu sagen, was er fühlt und braucht wenn er mich hört. Dann würde ich gerne seine Bitte hören.

Das würde uns beide weiterbringen.

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